«Les jours des éphémères»

Festival für ephemere Kunst, 7. Ausgabe, Kulturlokal MOKKA RUBIN, Olten

Freitag 21. & Samstag 22. August 2020

Beteiligte Kunstschaffende: Sarah Altenaichinger (Gast), Dario Zeo, Dietmar & Ralf Kempf, Yuri A, Kaspar Ruoff, Lukas Veraguth, Lea & Adrian, Noah Engweiler,  Susanne Lemberg, Navid Tschopp, Lorenza Diaz, Glynis Ackermann, Patricia Jacomella Bonola, Jasminka Stenz, Irene Gazzillo, Nathalie Papatzikakis

Texte: Michael Sutter


Dario Zeo – The 'thing without me'

Dario Zeo hat mit Kreidespray das Textfragment «The ‘thing without me’» auf eine begehbare Bodenfläche appliziert, die je nach Witterungseinfluss und darüber gehende Menschen allmählich verschwindet. Der Künstler hat die Phrase in einem mechanischen Akt der Appropriation per Schreibmaschine extrahiert und verweist auf einen Textausschnitt aus dem Essay «After Finitude» von Quentin Meillassoux; einem Vertreter des Spekulativen Realismus. Im Essay werden Fragen zum Mensch-Sein und ganz grundsätzlich zur Existenz verhandelt. 


Dietmar & Ralf Kempf – Wertpapier (Ende der Komfortzone)

Eine handelsübliche Klopapierrolle hängt von der Decke im Mokka-Rubin. Losgelöst von der WC- Schüssel verweist das (Wert)Papier mit der Begrifflichkeit «Ende der Komfortzone» auf das (coronabedingte) ‘Schluss mit lustig’ mancher Individuen hin, die bisher in scheinbarer Sicherheit lebten und aus Bequemlichkeit keine Anstalten machen, dringende Veränderungen zuzulassen. Um die stetige Dezimierung des Klopapiers praktisch zu gewährleisten, können/dürfen alle Besucher*innen von der Rolle ein Blatt abtrennen und das Exponat je nach persönlicher Gesinnung beanspruchen. Dabei wird nicht vorauszusehen sein, ob zukünftig das einzelne Blatt als Kunstobjekt oder als Gebrauchsprodukt mehr Wert annimmt. 


Yuri A – Schokoladenfigur Der Künstler

Yuri A hat eine Schokoladen-Kopie einer berühmten Skulptur von Alberto Giacometti hergestellt und bietet diese zum Verzehr an. Die Besucher*innen sind aufgefordert, sich ein Stückchen des ‚schreitenden Mannes‘ einzuverleiben, bis er gänzlich verschwunden ist.


Kaspar Ruoff – Neste Rally

Im Sommer 2017 verfolgte Kaspar Ruoff in der Region Jyväskylä die «Neste Rally Finland», welche ein Bestandteil der FIA World Rally Championships ist, die in weltweit 15 Rennen ausgetragen wird. Auf der Strecke durch die finnischen Wälder werden die höchsten Geschwindigkeiten der Tour erzielt. In seinem seriellen Werk geht Kaspar Ruoff der Frage nach, wie man als Betrachter*innen die Geschwindigkeit wahrnimmt und wie sie sich bildlich darstellen lässt. Dazu nutzt der Künstler eine bestimmte Form der sogenannten «Slit-Scan-Technik», wobei ein Bild generiert wird, das wie eine Scanzeile mit einer konstanten Geschwindigkeit innerhalb einer bestimmten Zeitdauer – hier knapp 13 Sekunden – von links nach rechts fährt. So zeigt das Bild, in serieller Abfolge, einen extrem schmalen Abschnitt der Wirklichkeit; dort, wo keine Bewegung stattfindet, entsteht ein realistisches Abbild. Wo hingegen eine Bewegung registriert wird, entsteht eine extreme, optische Verzerrung. Die Audioinstallation vermittelt die originale Geräuschkulisse mit den Naturlauten, welche durch die beängstigend anschwellenden und wieder verebbenden Motorengeräusche unterbrochen werden.


Lukas Veraguth – 20’400

Lukas Veraguth realisiert eine temporäre Intervention im öffentlichen Raum vor dem Mokka- Rubin. Die asphaltierten Trottoir-Bereiche im Aussenraum dienen als Bildträger für eine ephemere Wasserzeichnung, die kurz nach der Realisierung durch Verdunstung wieder verschwinden wird. Der Künstler nutzt für seine Performance einen umgebauten Parkplatzmarkierungswagen für eine Bodenzeichnung mit linienförmigen Strukturen.


Lea & Adrian – work no. 442. sojourner

Auf einem Sockel steht ein manueller Plattenspieler. Der Plattenteller dreht sich, die Nadel befindet sich am Ende der Platte, in der sogenannten Auslaufrille. Zu hören ist das typische Knacken, Klopfen, Knistern, Rauschen in einer Endlosschleife. Diesem Geräuschamalgam ist Flüchtigkeit und Vergänglichkeit regelrecht eingeschrieben. Die Musik ist zu Ende; jemand muss nun aufstehen, die Platte umdrehen, wechseln oder abstellen. Aber diese Platte dreht sich weiter, die Nadel verharrt – wie ein Reisender (sojourner), der in dieser Installation zum endlosen Verweilen im Zwischenraum gezwungen wird. Die scheinbar immer gleiche Geräuschkulisse wiederholt sich tatsächlich nie und mit jeder Umdrehung wird etwas mehr von der Platte und der Nadel abgetragen. Bei der Platte handelt es sich um Kingo Hamada – Midnight Crusin’, Japan 1982.


Noah Engweiler – I need you / you need me / the table was already here

Noah Engweiler fordert an der Vernissage die Besucher*innen im Eingangsbereich dazu auf, einen Gegenstand für seine Installation zur Verfügung zu stellen. Dieser Gegenstand wird im Obergeschoss vom Mokka-Rubin – im RIO – temporär mit weiteren Gegenständen arrangiert, bis die Besucher*innen den Ort verlassen und ihre Habseligkeiten wieder mitnehmen. Daraus ergibt sich eine sich stetig verändernde Szenerie zwischen skulpturaler Konstruktion und Dekonstruktion. 


Susanne Lemberg – Fading away

Susanne Lemberg beschäftigt sich innerhalb eines speziellen Druckverfahrens – einem Rote- Beete-Druck – mit der Sichtbarmachung von Vergänglichkeit. Der Bildinhalt auf den bearbeiteten Papieren verblasst, sobald sie dem Licht ausgesetzt werden. Die Künstlerin überlagert Bildmotive, die teilweise aus der Kombination von Familienfotos mit Objekten aus der Natur entstehen. Dadurch generiert sie serielle Erinnerungsfragmente, die je nach Lichtintensität schneller oder langsamer wieder verschwinden.


Navid Tschopp – Pages

Navid Tschopp wirft einen Blick auf Altpapierbündel, die als wiederkehrende Erscheinungen das Strassenbild des Alltages für einen flüchtigen Moment prägen. Der Künstler transformiert durch leichte Verschiebung und Anordnung die Papierbündel auf dem Gehsteig in ein Sofa und stellt damit ein Stück Privatheit in den öffentlichen Raum. In der Arbeit „Pages“ werden die Begriffe Privatheit und Öffentlichkeit untersucht. Das Private ist heutzutage im Zeitalter von Facebook und Instagram öffentlich geworden und präsentiert sich als ein uninteressanter Strom von Alltagsereignissen ohne Nachrichtenwert. Dem gegenüber stehen Privatisierungs-Prozesse, die gesellschaftliche Kommunikation kontrollieren und somit auch die öffentliche Meinungsbildung zu lenken vermögen. Die Arbeit „Pages“ greift diese paradoxen Entwicklungen von Privat- und Öffentlichkeit auf und zeigt auf, wie sie sich, wie die zwei Seiten ein und desselben Blattes, zwar voneinander Unterscheiden aber sich gegenseitig bedingen.


Glynis Ackermann – Mobilé, through the looking glass

Glynis Ackermann präsentiert an der Vernissage eine Human Installation’ in Slowmotion, zusammen mit einer Video-Projektion. Die Künstlerin kreiert innerhalb ihrer Performance ein Bild, dass an Corona-Zeiten zu Hause erinnert. Die Zuschauer*innen blicken durch ein langsam bewegendes Fenster, wobei Körperteile im Hintergrund eine gleichwertige Ebene bilden. Die Künstlerin wünscht sich zudem, dass das Publikum während ihrer Performance variierend Noten singt.


Lorenza Diaz – Feldstudie

Situativ und ohne Bindemittel fixiert, erschafft Lorenza Diaz für den Ausstellungraum eine Kohlezeichnung, die mit jedem Windhauch ein wenig an Beständigkeit verliert. Die Bildoberfläche an der Wand verändert sich mit dem Fortlauf der Ausstellung, insbesondere wenn man das Wandbild aus der Nähe betrachtet. Durch das Prinzip des Einarbeitens und Wiederabtragens des Kohlestaubs werden Strukturen in der Wand freigelegt, welche vorher nicht sichtbar waren. Sie werden in das Gesamtbild integriert und lassen so ein ganz eigenes Landschafts-Bild entstehen.


Patricia Jacomella Bonola – Mutant

Der Beitrag von Patricia Jacomella Bonola für die Ausstellung umfasst eine Wandinstallation sowie eine Performance. Ihr Werk ,Mutant‘ – der Titel entlehnt sich aus der Biologie ebenso wie aus dem Bereich Science-Fiction – verweist auf Transformationsprozesse von naturwissenschaftlichen Gegebenheiten. In Zeiten von Coronavirus und Klimawandel begleiten Mutationen unser tägliches Leben; Covid-19 hat sich in mindestens 30 Variationen mutiert und die klimatischen Bedingungen verändern den Verlauf der Natur mit verheerenden Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Patricia Jacomella Bonola visualisiert mittels rotem Wollfaden an der Wand eine fragile Baumskulptur, welche sie performativ dekonstruiert und in einen Teppich überführt. Dabei verweisen der Baum und der Teppich auf zwei gegensätzliche Realitäten: Der Baum verkörpert die Natur, während der rote Teppich die Sehnsucht des Menschen nach Ruhm, Macht und Erfolgt darstellt.


Jasminka Stenz – ephemere Körperlichkeit

Die Performance-Künstlerin und Choreographin Jasminka Stenz stellt ihren eigenen, lebendigen Körper aus. Ein Solo. Ein ausgestellter Mensch, der an einem markierten Ort im Ausstellungsraum für eine definierte Zeitspanne (mit kurzen Unterbrechungen) steht. Wie eine Skulptur steht Jasminka Stenz im Raum, doch ihr Körper ist nicht starr, er lebt, er atmet, er geht mit der Zeit, wird müde und reagiert auf seine Umwelt. Es wird zu Begegnung von des Menschen mit den Besucher*innen kommen; Augenkontakte, Nähe und Distanz, Beobachtung, Empathie oder Antipathie. Die Arbeit hebt zusätzlich das Zeitliche und Vergängliche des menschlichen Lebens hervor und schafft eine gesteigerte Aufmerksamkeit darauf, wie der lebende Körper (Mensch) innerhalb dieser Zeit von einem Tag vergeht und was in dieser Zeit in dieser Aktion des Seins passiert.


Irene Gazzillo – Ursprung

Silberne Asche – rund um einen Kreis auf dem Boden verteilt – umgibt einen leeren Raum. Für einen einzigen Tag ist der Kreis ein sakraler Raum. Er ist eine perfekte Leere, unzugänglich und geschützt durch einen silbernen Teppich. Das Material ist in einem vorübergehenden Zustand, zwischen der zerstörerischen Kraft des Feuers und der Schönheit der Natur, die sich neu generiert. Das Werk ist ein Lob auf die Vergänglichkeit als ‚leggerezza‘ (ital. für Leichtigkeit). Der Anspruch des Ephemeren dreht sich bei der Arbeit von Irene Gazzillo nicht um das Ende von etwas, sondern beleuchtet den stillen Moment des Nichts vor dem Entstehen von etwas Neuem.


Nathalie Papatzikakis – Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt.

Die Arbeit von Nathalie Papatzikakis ist eine während ihrer Entstehung sich selbst verschlingende Zeichnung. Sie besteht aus einer an der Wand montierten Glasscheibe, welche mit einer abkratzbaren Folie, ähnlich derer von Rubbel-Losen, überzogen ist. Im Verlaufe des Ausstellungstages werden die Besucher*innen aufgefordert, diese Schicht mithilfe von eigenen Werkzeugen, wie Münzen oder Bankkarten, abzutragen. Was sich darunter verbirgt, müssen die Besucher*innen selbst herausfinden...