«Les jours des éphémères»

Festival für ephemere Kunst, 1. Ausgabe, Künstlerhaus S11, Solothurn

Dienstag 19. April – Samstag 4. Mai 2013

Beteiligte Kunstschaffende: André Bless, Meinrad Feuchter, Myriam Gallo & Natalie Reusser, Patricia Jacomella-Bonola,
Doris Kuert, Niklaus Lenherr, Dominik Lipp, Carlo Schmidt, Sabrina Tiller, Claudia Vogel, Anna-Sabina Zürrer

Martin Rohde

Co-Kurator Künstlerhaus s11, Solothurn

Vernissagerede für die Ausstellung „Les jours des éphémères“ im Künstlerhaus s11 vom 19.4.–3.5.2013

 

Videodokumentation 2013 Teil 1, 2 und 3


André Bless

Am 20. April wird uns von André Bless während 5–6 h das wahre Leben einer digitalen Eintagsfliege vorgeführt. Mit seinem Video für iPhone „Day Fly“, wobei der Loop solange dauert wie der Akku des Gerätes läuft. Der Nordostschweizer Künstler interessiert sich für Phänomene und Vorgänge des alltäglichen Lebens. Durch minimale Eingriffe und Verschiebungen gewohnter 5 Blickwinkel versucht er Wahrnehmungs- prozesse bewusst zu machen. In der vorliegenden Arbeit nimmt er das Motto sehr wörtlich und gibt einer Fliege eine durch Technik begrenzte Lebensdauer. Vom leuchtenden Display eines iPhones scheinbar magisch angezogen, schwirrt eine Fliege wild umher und kommt immer wieder kurz zur Ruhe auf dem LED-Panel. Die Betriebsdauer des Handy?Akkus bestimmt die Lebensdauer des Videos bzw. der Eintagsfliege. Filminhalt und Technik treten in einen poetischen Dialog miteinander. Martin Rohde


Patricia Jacomella Bonola

Beglückt uns mit ihrer „Eierschalen-Mandala-Zeremonie“. Die Aktionskünstlerin aus Zug ist seit langem auch international tätig. Seit 1990 sammelt die Künstlerin die Eierschalen von allen Eiern, die sie in ihrem Alltag für den Familienbedarf konsumiert hat. Im Laufe der letzten 22 Jahre hat sie bis heute 23'764 Eierschalen aufbewahrt. Das Ei, Symbol der Geburt, des Ursprungs der Schöpfung, uraltes Sinnbild der Menschheit, hat die Künstlerin mit seiner Mystik schon immer fasziniert. Als sie eines Tages 1990 ein Ei aufbrach, wurde ihr das nicht verwirklichte Potential und die zukünftigen Chancen bewusst, welche dieses Ei barg und sie entschloss sich spontan den ephemeren Teil dieses Lebensmittels aufzubewahren. Obwohl Eierschalen beim Akt des Aufbrechens ihre Funktionalität verlieren und an sich unbedeutend und belanglos werden, haben sie für die Künstlerin durch das Sammeln einen grossen Stellenwert eingenommen, weil sie Zeugen eines bedeutenden Lebensabschnitts sind, Bilder ihres Alltags wiederspiegeln und ihr die Vergänglichkeit aller Dinge vergegenwärtigen. Nun wird ihre „wertlose“ Eierschalensammlung bei „Les jours des éphémères“, dank der Mitwirkung der Besucher, in eine Protagonistin eines zeitlosen Momentes verwandelt. Die 23'764 Eierschalen werden in einem oder mehreren Räume des Künstlerhaus auf dem Boden in Kreisform verteilt. Die Besucher sind die Protagonisten der Performance, sie werden die Raume mit den am Boden liegenden Eierschalen betreten. Sie werden die Eierschalen-Kreise zertrampeln und somit wie ein Sand-Mandala in kürzester Zeit zerstören. Der Kreis, soll an ein Sand-Mandala erinnern, als Sinnbild eines ephemeren Lebens. In dem Moment der Performance werden Vergangenheit und Zukunft zu Gegenwart verschmelzen. Martin Rohde


Meinrad Feuchter

Mit seinem „Frau Holle (97 Jahre nach Dada)“
Der Hauptinitiator und Co-Kurator der Ausstellung möchte uns an einem ephemeren Happening nach DADA-Art teilhaben lassen. „Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt (…)” Goldmarie muss das Bett aufschütteln, es muss etwas in Bewegung kommen, dann wird etwas vom Himmel herabfallen. Erst waren es die Äpfel, nun sind es die Schneeflocken und bald ist es das Gold. Der Weg Goldmaries ist ein Weg ins Innerste des Menschen. Dort angelangt, befindet sie sich im Einklang mit sich selbst, dann schlagt etwas um. Im 2. Obergeschoss des Künstlerhauses steht während der gesamten Ausstellungsdauer eine Schneefräse samt einem grossen Haufen weisser Bettfedern (Daunen). Die Maschine steht direkt am Fenster zur Schmiedegasse. Zur bestimmten Zeit „fräst“ die Maschine die ganzen Bettfedern durch das offene Fenster auf die Gasse: „Dann schneit es in der Welt“ – oder es regnet Gold, Geld oder Boni. Martin Rohde


Myriam Gallo & Natalie Reusser

Die beiden Berner Kunststudentinnen zeigen ihre Arbeit „Latex1“. Latex bietet eine Vielzahl an Eigenschaften wie Weichheit, Transparenz und Elastizität, aber auch selbst zerstörerische Prozesse, welche für die künstlerische Arbeit bewusst eingesetzt werden. Für diese Arbeit wird eine dünne Schicht flüssiger Latex auf die Schaufensterscheibe des Künstlerhauses aufgezogen. Die flüssige Materie des Latex erlaubt eine malerische Behandlung. Die Facettenbreite und die Wandelbarkeit des Materials offenbaren sich in den verschiedenen optischen und haptischen Eigenschaften. In flüssigem Zustand ist das Material milchig weiss. Nach dem Auftragen wird es fest und für kurze Zeit durchsichtig. Anschliessend beginnt ein langsamer Trübungsprozess. In diesem Zustand wird die Schicht durch ein kleines Loch in der Mitte der Fläche mit einem Prozessor aufgeblasen. Die Grösse der Blase hängt von der Form der aufgezogenen Fläche ab. Von diesem Zeitpunkt an kann die Entwicklung des Werkes nicht mehr beeinflusst werden. Die Luft ist unfassbar, sie ist radikal. Sie entweicht unaufhaltsam durch die feinen Poren des Latex. Es entsteht eine räumliche Arbeit aus einer zweidimensionalen Oberfläche. Martin Rohde


Doris Kuert

lässt sich gerne über die Schulter schauen bei ihren „Entwicklungsprozessen“ für „Artemis, Elektra, Medusa...“, einer Foto-chemischen Performance, die sie im Künstlerhaus dem Publikum darbietet. Anteil haben, am schöpferischen, kreativen Prozess, das will uns die gestandene Photographin gewähren. Auf handgeschöpftem Bütten-Papier oder Aluminiumplatten erzeugt die Künstlerin mit Fotoemulsion und Manipulationen der chemischen Substanzen oder durch Solarisation flüchtige Bilder. Nach dem Wasserbad trocknet das belichtete Büttenpapier in einem Raum. Im Laufe eines Tages wird das Bild durch das Tageslicht wieder ausgelöscht und bleibt eine ephemere Erscheinung. Die historischen Frauennamen spielen auf das flüchtige vergangener Mythen an. Martin Rohde


Niklaus Lenherr

„Buchstabe für Buchstabe“, poetisches Schaufenster-Happening. Der erfahrene und preisgekrönte Aktions-Künstler aus Luzern verzaubert die Gasse mit ephemerer Poesie. Für einen Tag nutzt der Künstler das Schaufenster zur Schmiedengasse mit abwaschbaren Schablonen?Buchstaben, um darauf Gedichte von Max Huwyler (*1931) zu applizieren. „wennt chunsch“ und „ganz ist ganz“ sind die kurzen Gedichte betitelt. Nach zwei Stunden wischt er die Buchstaben des ersten Gedichtes weg und trägt das zweite Gedicht von Max Huwyler auf. Nach weiteren zwei Stunden ruft der Künstler den Dichter Max Huwyler an und er liest die beiden Gedichte vor – was allfällig anwesende BesucherInnen im Künstlerhaus S11 mithören können. Letztlich wischt er das zweite Gedicht weg, reinigt die Schaufensterscheibe und entfernt sich. Martin Rohde


Dominik Lipp

Der auch international tätige Performance– und Visual Artist aus Rupperswil zeigt eine ganztägige Performance auf der Gasse vor dem Künstlerhaus. Seine Performances entstehen immer mit einem konkreten Ortsbezug. Wie die Eintagsfliege mochte er am Morgen „Geboren“ Werden und am Abend „Sterben“. Ein Zyklus des Entstehens und Verschwindens, des Erwachens und des Einschlafens. Ein Zyklus des Kommens und Gehens. Letzteres entspricht wohl am ehesten dem, was wir heute den ganzen Tag geboten bekommen haben. Der Künstler ist in seiner weissen Kleidung mit einem Handwägelchen voller Eiswürfel Stunden um Stunden die Schmiedengasse auf und ab geschritten und hat jeweils beim Brunnen einen Eiswürfel hinterlassen. Und er hat damit nicht nur die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich gezogen, sondern auch diejenigen der Anwohner, so dass bereits nach einer Stunde die Polizei gerufen wurde. Man dachte wohl, es handele sich hier um einen „Entlaufenden“, dabei war es „nur“ ein Künstler, zugegeben, ein „Entrückter“. Martin Rohde


Carlo Schmidt

Der anerkannte und seit langem mit ephemerer Kunst experimentierende Künstler aus dem Wallis, der schon so evident ephemere Werke, wie Ast-Perlenbilder geschaffen hat oder Frust-Gedanken aus Käse, die dann von Mäusen gefressen werden, zeigt im Künstlerhaus eine Arbeit mit einem radikal-ephemeren Gegenstand, einem Luftballon. Ein grosser Luftballon wird mit Scotch eingewickelt. Danach wird die Luft durch einen Einstich freigelassen. Der Luftballon zieht sich zuerst samt Scotch zusammen und danach bläht sich der Scotch alleine zur ursprünglichen Form auf. Das Ephemere in der Verweigerung der Formfixierung in einem ästhetischen Prozess soll hier aufgezeigt werden. Also wird das Ephemere im zeitlichen Sinn/Ablauf nicht im Materiellen relevant. Durch die Zufälligkeiten und den dynamisch organisierten Prozess, mit vielen unberechenbaren Parametern, entstehen kontinuierlich sich wandelnde Formen, die nicht oder nur ganz beschränkt reproduzierbar sind. Im Prinzip entsteht in jedem Moment ein „Skulpturenoriginal“, welches durch die Erinnerung beim Anblick des Endproduktes reaktiviert wird. Martin Rohde


Sabrina Tiller

Zeichnungsperformance „Ein Tag LOST“
Die junge Förderpreisträgerin des Kantons Solothurn (2012) gibt uns Publikum die Gelegenheit, ihrem Arbeitsprozess bei zu wohnen. Woher kommt das Bild? Wie entsteht die Zeichnung auf dem Papier? Wer bestimmt die Richtung? Die Form? Die Menge? Wo fängt es an und wann ist Schluss? Die Serie LOST * ist eine zeichnerische Untersuchung von Prozessen beim Zeichnen. Die Künstlerin zeichnet mit Tusche vor Ort für einen Tag lang auf einem weissen Blatt. Strich für Strich entwickelt sich das Bild, in ständigem Wandel wächst es, wird immer dichter und immer dunkler. Das Bild verweilt nicht, es besteht nur im Moment und ändert sich im nächsten Augenblick. Und am Ende des Tages verbleibt ein schwarzes Blatt. Martin Rohde


Claudia Vogel

knüpft mit einer starken olfaktorischen Erfahrung eines heimatlich vertrauten Gewächses uns einen „Bärlauchteppich“. Die aus Deutschland wieder in die Schweiz zurückgekehrte Künstlerin beschäftigt sich mit allen Sinnen und mochte uns an einem ganz speziellen Sinn-Erlebnis teil haben lassen. Düfte sind für die Künstlerin sinnliche Erlebnisse, die in der Kunst nicht fehlen dürfen. Leider sind Düfte allzu schnell nicht mehr wahrnehmbar – eine Duftinstallation ist also per se ephemere Kunst. Die Bärlauchblätter geben einen starken, intensiven Duft ab und werden sich zusätzlich während des Tages in der Farbe verändern – sie welken. Martin Rohde


Anna-Sabina Zürrer

„Lavage“ (Eintagsfliegen)
Die junge und dennoch auch schon international tätige Künstlerin aus der Innerschweiz führt uns die Transformation eines Bildes vor. In Brockenhäusern werden Farbfotografien gesucht, die formale und inhaltliche Zusammenhänge mit Insekten aufweisen. Im Ausstellungsraum hängen mehrere unterschiedlich grosse Farbfotografien von der Decke. Unter jedem Bild steht ein Auffang-Gefäss. Die Künstlerin sprüht eine chemische Flüssigkeit auf die Oberfläche der Bilder. Dadurch lösen sich die Farbschichten der Fotografien langsam vom Bildträger. Erst Cyan, dann Magenta und am Schluss das Gelb. Die dabei entstehenden Farbmischungen tropfen nach unten und werden in den Behältern aufgesammelt. Die performative Handlung erzeugt ein farblich höchst intensives Vergehen der Bilder, welches akustisch durch das Sprüh- und Tropfgeräusch begleitet wird. Am Schluss sind alle Fotografien weiss gewaschen und die ehemaligen Bildinhalte als farbige Flüssigkeit in den Behältern aufgefangen. Martin Rohde